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Kernenergie ist kein Auslaufmodell
Wer sich in Deutschland für die friedliche
Nutzung der Kernenergie ausspricht, vor allem, wenn er wie
ich aus der SPD kommt, tut sich naturgemäß schwer. Die
folgenden Ausführungen stellen deshalb auch meine
persönliche Meinung dar, nicht die meiner Partei.
In den letzten Jahren wurde in einer Reihe
von Ländern mit größerer oder verhaltener Leidenschaft die
Debatte um die Kernenergie wieder aufgenommen. Dafür gibt es
eine Reihe von Gründen, die ich teile und im Folgenden
stichwortartig aufführen möchte.
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Der Energiebedarf vieler Länder wächst
schneller als von vielen Szenarien beschrieben wurde. Die
Feststellung gilt vor allem für Länder mit hohem
wirtschaftlichem Wachstum. Sollten die Wirtschaft auch bei
uns wieder schneller wachsen, wird dies auch für die
Euro-Zone und für Deutschland gelten.
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Der steigende Ölpreis – und der im
zeitlichen Abstand steigende Gaspreis – erhöht die
Verwundbarkeit nicht nur der europäischen Wirtschaft.
Entsprechend steigt der Wunsch, von Energieimporten
unabhängig zu werden.
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Wenn wir die Warnungen der Klimatologen
erst nehmen, dann sollten wir den Beitrag der Kernenergie
zum Klimaschutz nicht klein reden. Auch wenn sie kein
Allheilmittel ist, so dämpft sie doch den Anstieg der
Treibhausgasemissionen und verringert die Kosten. Es ist
kein Zufall, dass die jährlichen CO2-Emissionen pro Kopf
der Bevölkerung in Deutschland bei 10 t CO2, in Frankreich
bei etwas über 6 t CO2 liegen.
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Rücken bereits diese Beobachtungen die
Kernenergie wieder in ein günstigeres Licht, so erhält sie
auch frischen Wind durch neue technologische
Entwicklungen. So nahmen die weltweiten Anstrengungen zur
Verbesserung der Sicherheit zu. Ein Beispiel ist die
Gründung der „World Association of Nuclear Operation“
(WANO), unmittelbar nach dem verheerenden Unfall von
Tschernobyl. Seitdem gab es keinen größeren nuklearen
Unfall mehr. Auch hat die Forschung an neuen
Reaktorkonzepten und an der sicheren Verbringung von
nuklearen Abfällen die Nukleartechnologie weit über das
bisherige Maß hinaus verbessert. Reaktoren der sog.
Dritten Generation wie der EPR (European Pressurised
Reactor) schließen selbst bei einer hypothetischen
Kernschmelze eine Gefahr für die Umwelt aus. Der Schaden
bleibt auf das Innere des Reaktors beschränkt. Und
Reaktoren der noch zu entwickelnden vierten Generation
gelten praktisch als inhärent sicher, d.h. sie sind aus
technischen Gründen unfähig zu einem größeren Unfall.
Reaktoren ließen sich auch mit dem Brennstoff Thorium
betreiben, womit sie auch noch proliferationssicher wären,
denn mit Thorium lassen sich keine Atomwaffen bauen. Einen
besonderen Reiz hat der Vorschlag des italienischen
Physiknobelpreisträgers Carlo Rubbia, Kernbrennstoffe mit
Neutronen zu beschießen, die aus der Umwandlung von
Protonen aus Teilchen Teilchenbeschleunigern stammen.
Damit ließen sich nicht nur sichere Anlagen betreiben, man
könnte auch langlebige Isotope wie die minoren Aktinide in
kurzlebige Elemente und damit das Endlagerproblem zu
entschärfen.
Kurzum, die
Nukleartechnik und mit ihr die Sicherheit werden in einem
Maße verbessert, dass das Bild nicht mehr stimmt, das sich
noch viele von den Risiken der Kernenergie machen
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Damit stimmt auch die Aussage nicht mehr,
das Risiko eines nuklearen Unfalls sei wohl gering, doch
träte wieder Erwarten der Unfall ein, so sei das Ausmaß
des Schadens doch grenzenlos. Bereits bei der dritten
Generation von Kernkraftwerken ist dieser – seinerzeit vor
allem von dem Philosophen Hans Jonas beschriebene –
Einwand gegen die Kernenergie durch die neueste
Entwicklung der Technik widerlegt.
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Auch erwies sich die Vermutung als falsch,
dass sich die restliche Welt dem deutschen Ausstiegsmodell
anschliessen würde. Nicht nur in Asien und Russland, auch
in den USA und Europa werden neue Atomanlagen geplant oder
sogar gebaut. Und wo im Moment keine gebaut werden, wird
die Laufzeit verlängert. Von einem weltweiten oder
europäischen Ausstieg kann heute keine Rede mehr sein.
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Die öffentliche Meinung, ohnehin wie eine
Konstante in der Zeit, ändert sich im Lichte dieser
Erfahrungen. In der Schweiz wurde im vergangenen Jahr ein
Ausstieg aus der Kernenergie abgelehnt. Interessant ist
dabei, dass die Ablehnung des Ausstiegs bei der jungen
Generation besonders ausgeprägt war. In den USA sind
mittlerweile 60% der Bevölkerung für die Nutzung der
Kernenergie. In Tschechien ist dieser Anteil sogar noch
höher. Und Finnland hat nach einer jahrelangen offenen
Debatte den Bau eines fünften Kernkraftwerks beschlossen.
Selbst in Deutschland mehren sich die Stimmen, die
wenigstens für eine Verlängerung der Laufzeiten der
Reaktoren plädieren, um Zeit für weiter reichende
Entscheidungen zu gewinnen.
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Die Zukunft der Kernenergie wird in
wachsendem Maße von Entwicklungs- und Schwellenländern
bestimmt. China will den gesamten Brennstoffkreislauf
beherrschen, ähnlich wie Indien, Pakistan und Iran.
Russland verfolgt ohnehin seit jeher einen eigenen Weg.
Die Süd-Süd Zusammenarbeit nimmt zu. China baut einen
Atomreaktor in Pakistan, Russland baut in China,
Argentinien liefert einen Forschungsreaktor an Australien
– m.a.W., die Nukleartechnologie ist keine Domäne der
Industrieländer mehr. Besonders deutlich wird dies, wenn
Südafrika in 2 Jahren seinen ersten Hochtemperaturreaktor
bauen wird, der vor allem für Entwicklungsländer gedacht
ist. Umso wichtiger wäre es deshalb, dass Deutschland mit
seinen anerkannt hohen Sicherheitsstandard sein Wissen
weitergeben könnte und sich nicht jeglicher
Reaktorforschung verweigern müsste.
Zusammenfassend lässt sich sagen, eine
Technik wird dann genutzt, wenn sie gebraucht wird. Dieser
Satz gilt offenbar auch für die Kernenergie, was niemand
überraschen sollte. Gebraucht wird die Kernenergie bei der
kostengünstigen Erzeugung von Elektrizität in der Grundlast,
wo sie durch erneuerbare Energiequellen nur schwer – und
zudem zu hohen Kosten – ersetzt werden kann.
Mit meinem Plädoyer für die Kernenergie will
ich die Probleme nicht schönreden. Die Gefahren durch
terroristische Angriffe sind ernst zu nehmen, allerdings
gelten sie für viele technische Anlagen. Auch bleibt das
Risiko der Proliferation von Atomwaffen. Die beste Antwort
darauf ist eine Stärkung der IAEA (International Atomic
Energy Agency) in Wien. Auch sind nicht alle Atomanlagen der
Welt auf dem neuesten Stand der Technik. Dagegen hilft aber
nur eine bessere Technik, nicht ein nationaler Ausstieg.
Ob und wann es in Deutschland wieder zu einer
Debatte über die Kernenergie kommt, weiß ich nicht. Es wäre
aber schon viel gewonnen, wenn wir uns gegenseitig nicht den
guten Willen absprechen würden. Doch jene, die am Ausstieg
festhalten, müssen auch wissen, dass ihre Haltung eine
paradoxe Folge haben wird. Denn in dem Maße, wie wir
Kernenergie in der Grundlast durch Erdgas aus Russland
ersetzen, wird Russland – schon aus Kostengründen – Erdgas
durch Kernenergie und Kohle ersetzen. Denn anders kann es
die wachsende Nachfrage nach Erdgas im Westen des Kontinents
nicht befriedigen. Ob eine solche Strategie die Sicherheit
erhöht und den Treibhauseffekt mindert, ist wohl mehr als
nur eine rhetorische Frage.
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