Rolf Linkohr
 
Artikel
09.08.2004

Kernenergie ist kein Auslaufmodell

Wer sich in Deutschland für die friedliche Nutzung der Kernenergie ausspricht, vor allem, wenn er wie ich aus der SPD kommt, tut sich naturgemäß schwer. Die folgenden Ausführungen stellen deshalb auch meine persönliche Meinung dar, nicht die meiner Partei.

In den letzten Jahren wurde in einer Reihe von Ländern mit größerer oder verhaltener Leidenschaft die Debatte um die Kernenergie wieder aufgenommen. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, die ich teile und im Folgenden stichwortartig aufführen möchte.

  1. Der Energiebedarf vieler Länder wächst schneller als von vielen Szenarien beschrieben wurde. Die Feststellung gilt vor allem für Länder mit hohem wirtschaftlichem Wachstum. Sollten die Wirtschaft auch bei uns wieder schneller wachsen, wird dies auch für die Euro-Zone und für Deutschland gelten.
  1. Der steigende Ölpreis – und der im zeitlichen Abstand steigende Gaspreis – erhöht die Verwundbarkeit nicht nur der europäischen Wirtschaft. Entsprechend steigt der Wunsch, von Energieimporten unabhängig zu werden.
  1. Wenn wir die Warnungen der Klimatologen erst nehmen, dann sollten wir den Beitrag der Kernenergie zum Klimaschutz nicht klein reden. Auch wenn sie kein Allheilmittel ist, so dämpft sie doch den Anstieg der Treibhausgasemissionen und verringert die Kosten. Es ist kein Zufall, dass die jährlichen CO2-Emissionen pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland bei 10 t CO2, in Frankreich bei etwas über 6 t CO2 liegen.
  1. Rücken bereits diese Beobachtungen die Kernenergie wieder in ein günstigeres Licht, so erhält sie auch frischen Wind durch neue technologische Entwicklungen. So nahmen die weltweiten Anstrengungen zur Verbesserung der Sicherheit zu. Ein Beispiel ist die Gründung der „World Association of Nuclear Operation“ (WANO), unmittelbar nach dem verheerenden Unfall von Tschernobyl. Seitdem gab es keinen größeren nuklearen Unfall mehr. Auch hat die Forschung an neuen Reaktorkonzepten und an der sicheren Verbringung von nuklearen Abfällen die Nukleartechnologie weit über das bisherige Maß hinaus verbessert. Reaktoren der sog. Dritten Generation wie der EPR (European Pressurised Reactor) schließen selbst bei einer hypothetischen Kernschmelze eine Gefahr für die Umwelt aus. Der Schaden bleibt auf das Innere des Reaktors beschränkt. Und Reaktoren der noch zu entwickelnden vierten Generation gelten praktisch als inhärent sicher, d.h. sie sind aus technischen Gründen unfähig zu einem größeren Unfall. Reaktoren ließen sich auch mit dem Brennstoff Thorium betreiben, womit sie auch noch proliferationssicher wären, denn mit Thorium lassen sich keine Atomwaffen bauen. Einen besonderen Reiz hat der Vorschlag des italienischen Physiknobelpreisträgers Carlo Rubbia, Kernbrennstoffe mit Neutronen zu beschießen, die aus der Umwandlung von Protonen aus Teilchen Teilchenbeschleunigern stammen. Damit ließen sich nicht nur sichere Anlagen betreiben, man könnte auch langlebige Isotope wie die minoren Aktinide in kurzlebige Elemente und damit das Endlagerproblem zu entschärfen.

Kurzum, die Nukleartechnik und mit ihr die Sicherheit werden in einem Maße verbessert, dass das Bild nicht mehr stimmt, das sich noch viele von den Risiken der Kernenergie machen

  1. Damit stimmt auch die Aussage nicht mehr, das Risiko eines nuklearen Unfalls sei wohl gering, doch träte wieder Erwarten der Unfall ein, so sei das Ausmaß des Schadens doch grenzenlos. Bereits bei der dritten Generation von Kernkraftwerken ist dieser – seinerzeit vor allem von dem Philosophen Hans Jonas beschriebene – Einwand gegen die Kernenergie durch die neueste Entwicklung der Technik widerlegt.
  1. Auch erwies sich die Vermutung als falsch, dass sich die restliche Welt dem deutschen Ausstiegsmodell anschliessen würde. Nicht nur in Asien und Russland, auch in den USA und Europa werden neue Atomanlagen geplant oder sogar gebaut. Und wo im Moment keine gebaut werden, wird die Laufzeit verlängert. Von einem weltweiten oder europäischen Ausstieg kann heute keine Rede mehr sein.
  1. Die öffentliche Meinung, ohnehin wie eine Konstante in der Zeit, ändert sich im Lichte dieser Erfahrungen. In der Schweiz wurde im vergangenen Jahr ein Ausstieg aus der Kernenergie abgelehnt. Interessant ist dabei, dass die Ablehnung des Ausstiegs bei der jungen Generation besonders ausgeprägt war. In den USA sind mittlerweile 60% der Bevölkerung für die Nutzung der Kernenergie. In Tschechien ist dieser Anteil sogar noch höher. Und Finnland hat nach einer jahrelangen offenen Debatte den Bau eines fünften Kernkraftwerks beschlossen. Selbst in Deutschland mehren sich die Stimmen, die wenigstens für eine Verlängerung der Laufzeiten der Reaktoren plädieren, um Zeit für weiter reichende Entscheidungen zu gewinnen.
  1. Die Zukunft der Kernenergie wird in wachsendem Maße von Entwicklungs- und Schwellenländern bestimmt. China will den gesamten Brennstoffkreislauf beherrschen, ähnlich wie Indien, Pakistan und Iran. Russland verfolgt ohnehin seit jeher einen eigenen Weg. Die Süd-Süd Zusammenarbeit nimmt zu. China baut einen Atomreaktor in Pakistan, Russland baut in China, Argentinien liefert einen Forschungsreaktor an Australien – m.a.W., die Nukleartechnologie ist keine Domäne der Industrieländer mehr. Besonders deutlich wird dies, wenn Südafrika in 2 Jahren seinen ersten Hochtemperaturreaktor bauen wird, der vor allem für Entwicklungsländer gedacht ist. Umso wichtiger wäre es deshalb, dass Deutschland mit seinen anerkannt hohen Sicherheitsstandard sein Wissen weitergeben könnte und sich nicht jeglicher Reaktorforschung verweigern müsste.

Zusammenfassend lässt sich sagen, eine Technik wird dann genutzt, wenn sie gebraucht wird. Dieser Satz gilt offenbar auch für die Kernenergie, was niemand überraschen sollte. Gebraucht wird die Kernenergie bei der kostengünstigen Erzeugung von Elektrizität in der Grundlast, wo sie durch erneuerbare Energiequellen nur schwer – und zudem zu hohen Kosten – ersetzt werden kann.

Mit meinem Plädoyer für die Kernenergie will ich die Probleme nicht schönreden. Die Gefahren durch terroristische Angriffe sind ernst zu nehmen, allerdings gelten sie für viele technische Anlagen. Auch bleibt das Risiko der Proliferation von Atomwaffen. Die beste Antwort darauf ist eine Stärkung der IAEA (International Atomic Energy Agency) in Wien. Auch sind nicht alle Atomanlagen der Welt auf dem neuesten Stand der Technik. Dagegen hilft aber nur eine bessere Technik, nicht ein nationaler Ausstieg.

Ob und wann es in Deutschland wieder zu einer Debatte über die Kernenergie kommt, weiß ich nicht. Es wäre aber schon viel gewonnen, wenn wir uns gegenseitig nicht den guten Willen absprechen würden. Doch jene, die am Ausstieg festhalten, müssen auch wissen, dass ihre Haltung eine paradoxe Folge haben wird. Denn in dem Maße, wie wir Kernenergie in der Grundlast durch Erdgas aus Russland ersetzen, wird Russland  – schon aus Kostengründen – Erdgas durch Kernenergie und Kohle ersetzen. Denn anders kann es die wachsende Nachfrage nach Erdgas im Westen des Kontinents nicht befriedigen. Ob eine solche Strategie die Sicherheit erhöht und den Treibhauseffekt mindert, ist wohl mehr als nur eine rhetorische Frage.