![]() Rolf Linkohr Mitglied des Europäischen Parlaments |
Vortrag 20.05.2004 |
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Rede vor der spanischen Handelskammer in Madrid, 'Erneuerbare Energien' Man stelle sich einmal das Jahr 2050 vor. Bis dahin leben etwa 10 Milliarden Menschen auf der Erde. Wenn sich nichts wesentliches verändert, wird dann der Energieverbrauch der Welt etwa doppelt so hoch wie heute sein, und ein Großteil der Energie wird immer noch aus fossilen Quellen stammen. So könnte es sein, und eine Reihe von Energieprojektionen zeichnen ein solches Szenario. Ein solches Szenario nennen wir gemeinhin „business as usual“. Das heißt, es wird eintreten, wenn sich nichts wesentliches ändert. Doch was könnte sich ändern? Zum einen könnten Erdöl und Erdgas sehr viel teurer werden als heute. Gründe dafür gibt es genug. Die Vorräte von Öl und Gas sind endlich, die Erschließung verlangt nach immer teureren Investitionen. Außerdem gibt es politische Risiken. Öl und Gas kommt häufig aus politisch unsicheren Gegenden der Welt. Derzeit steigt der Ölpreis, und mit ihm der Gaspreis. 35$ pro Barrel ist auf Dauer eine hohe Belastung für unsere Volkswirtschaft, für Erdölimportierende Staaten wie China oder Indien kaum zu ertragen. Je höher der Öl und Gaspreis, umso mehr wächst die Neigung, Öl und Gas durch andere Energiequellen zu ersetzen. Kohle dürfte deshalb an Bedeutung zunehmen. Der Preis für Steinkohle ist in den letzten Jahrzehnten erstaunlich stabil geblieben. Außerdem reichen die Kohlevorräte noch mehrere Jahrhunderte. Gewinner könnte auch die Kernenergie sein, die wohl hohe Investitionen erfordert, doch niedrige Brennstoffkosten hat. Sie wirkt wie eine heimische Energie. Auch den Erneuerbaren Energiequellen erwachsen durch höhere Ölpreise neue Chancen. Sie kommen früher als erwartet in den Bereich der Wirtschaftlichkeit. Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum ein Szenario "business as usual" wohl wenig wahrscheinlich ist, nämlich die Klimapolitik. Die Erde wird messbar wärmer und daran ist zum großen Teil der Mensch schuld, der mit der vermehrten Emission von CO2 und anderen Treibhausgasen zum Treibhauseffekt beiträgt. Wir müssen also alles menschenmögliche tun, die Emission von CO2, Methan, N2O und von fluorierten Gasen zu begrenzen. Die Klimapolitik verträgt sich nicht mit einer Technik, die die Emission von Treibhausgasen vermehrt. Die EU hat sich verpflichtet, die Emission von Treibhausgasen bis zum Ende des Jahrzehntes im Vergleich zu 1990 um 8% zu verringern. Sie hat sich darüber hinaus vorgenommen, im Laufe des 21. Jahrhunderts bis zu 70% der Emissionen einzusparen. Wenn sie diese Verpflichtung ernst nimmt, dann steht Europa vor einer neuen industriellen Revolution. Die Regierungen, die Europäische Union müssen der Industriegesellschaft eine neue Orientierung vorgeben. Aus heutiger Sicht müssen dabei alle Möglichkeiten genutzt werden, d.h. es muss auf der einen Seite der Verbrauch von Energie drastisch verringert werden, zum anderen müssen Energiequellen ohne Emissionen von Treibhausgasen entwickelt werden. Weil Kohle auch weiterhin eine große Rolle spielen dürfte, gehört dazu auch die Sequestrierung von CO2, also die Verbringung von CO2 unter der Erde, sodass man am Schluss von einem sauberen Kohlekraftwerk reden könnte, dazu gehören aber auch die erneuerbaren Energiequellen. Ich gehe desweiteren davon aus, dass auch die Kernenergie eine Renaissance erleben wird. Welche Technologie am Schluss aber die schnellste Entwicklung erfahren wird, hängt nicht zuletzt von den Kosten ab. Dabei kann man heute schon sagen, dass die erneuerbaren Energien umso mehr Chancen auf dem Markt haben werden, je mehr die externen Kosten der anderen Energieträger in die Rechung mit einbezogen werden, das heißt, je teurer sie werden. Dies gilt insbesondere für die fossilen Energieträger, deren Preis in dem Maße steigen wird, wie der Preis von CO2 steigen wird. So kann man, ohne ein Prophet zu sein, schon heute sagen, dass die Klimapolitik die Technologien begünstigen wird, die die geringsten Emissionen haben. Denn sie werden am kostengünstigsten sein. Am Ende brauchen wir eine Energiepolitik zu erträglichen Kosten, bei der jene Technologien vorrangig zum Zuge kommen, die die Emissionen von CO2 am kostengünstigsten verringern. Das ist die Lehre, die uns die Ökonomen mit auf den Weg geben, wobei man damit zu Ergebnissen gelangt, die nicht immer populär sind. Ich nenne ein Beispiel. Würden in Deutschland die Laufzeiten der Kernkraftwerke auf 40 Jahre verlängert, so ließen sich bis zum Jahre 2020 über 500 Millionen t CO2 vermeiden. Eine Modellrechnung zeigt, dass man damit 60 Milliarden Euro einsparen könnte. Denn es wären in diesem Zeitraum keine weiteren Investitionen nötig. Umgekehrt ließen sich bei einem Anteil der Windenergie von 15% an der Stromversorgung bis zum Jahre 2020 in Deutschland 700 Millionen t CO2 einsparen, allerdings bei einer Aufwendung von 50 Milliarden Euro. Deshalb kommen viele zur Überzeugung, dass die derzeitige Förderung von erneuerbaren Energien nicht die beste Lösung zur Verminderung von CO2 ist. Kraftwerkserneuerungen versprechen eine effizientere CO2 Verringerung und immer mehr melden sich auch jene zu Wort, die meinen, dass die Vorteile der regenerativen Stromerzeugung erst dann voll zum tragen kommen, wenn die Kraftwerkstechnik keine Wirkungsgradsteigerung mehr erlaubt. Dennoch haben wir uns in der EU entschlossen, den Anteil erneuerbarer Energien der Energieversorgung bis zum Jahr 2010 zu verdoppeln. Dabei kommen auch industriepolitische Überlegungen zum Zuge. Erneuerbare Energien verkaufen sich gut, weil sie öffentlich gefördert werden und sie schaffen Arbeitsplätze. Die Förderung der Erneuerbaren löst einen Technologieschub aus, der die Wettbewerbsfähigkeit Europas stärkt. Die massive Förderung von Windkraft hat z.B. bewirkt, dass sie bereits heute in die Nähe der Wirtschaftlichkeit kommt. Ich gehe davon aus, dass in Europa insbesondere die offshore Windenergie an Bedeutung gewinnt. Allerdings darf dabei nicht verschwiegen werden, dass die Integration der Windanlagen in das Elektrizitätsnetz zusätzliche Kosten verursacht. So klagen die deutschen Energieerzeuger, dass sie bis zu 80% der Windenergiekapazität in Form sogenannter Regelenergie vorhalten müssen, um für den Fall, dass kein Wind weht, Ersatzenergie bereitzustellen. Auch müssen die Netze mit großem Aufwand ausgebaut werden, um die zeitweilig hohen Leistungen aufzunehmen. Trotzdem ist die Windenergie zu einer stattlichen Industrie herangewachsen und es ist absehbar, wann sie ohne Subventionen auskommen wird. Interessant ist auch die Entwicklung der Photovoltaik, der wohl elegantesten Form der erneuerbaren Energie, da sie Sonnenlicht direkt in elektrische Energie umwandelt. Sie ist wohl noch sehr teuer, doch erstaunlicherweise finden bereits heute 20% der Produktion von Solarpanels ihren Platz auf dem Markt. In 10 oder 20 Jahren könnte durchaus sein, dass bei höheren Strompreisen Photovoltaik zu Zeiten der Spitzenlast, also um die Mittagszeit, konkurrenzfähig ist mit Strom aus konventionellen Anlagen. Denn anders wie bei der Windenergie kann man bei der Solarenergie vorhersagen, zu welcher Tageszeit am meisten Strom erzeugt wird und das ist immer dann der Fall, wenn die Sonne am höchsten steht. Doch gerade dann ist in unseren Gesellschaften der Strombedarf ebenfalls am höchsten, das heißt, Strom ist am teuersten. Die Hersteller gehen davon aus, dass in 10 bis 20 Jahren Spitzenstrom aus PV-Modulen wettbewerbsfähig ist. Das dürfte insbesondere für die südlichen, sonnenreichen Länder gelten, die wegen ihrer vielen Klimaanlagen gerade in der Mittagszeit den höchsten Bedarf haben. Die Förderung von Photovoltaik wie auch der Windkraft darf deswegen nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Klimapolitik gesehen werden. Sie ist auch Teil einer langfristigen Industriepolitik, mit der Europa hofft, wettbewerbsfähige Arbeitsplätze zu schaffen. Die Aussichten dafür sind nicht schlecht. In der Windenergie dominiert Europa bereits heute. In der Photovoltaik ist wohl immer noch Japan führend, doch die Europäer haben zur Aufholjagd angesetzt. Auch in der Biotechnologie, etwa bei den Biokraftstoffen ist Europa nicht schlecht positioniert, wenn gleich auf diesem Gebiet die Amerikaner die Nase vorn haben. Gerade Biokraftstoffe könnten in den nächsten Jahrzehnten eine größere Rolle spielen, vor allem dann, wenn es gelänge, Enzyme zu finden, die Cellulose in Glukose verwandeln, aus der dann wiederum Alkohol gemacht werden kann. Ein solcher wissenschaftlicher Durchbruch, den wir in den nächsten Jahren erwarten, könnte zu relativ preisgünstigen Biokraftstoffen führen, so dass der Subventionsbedarf geringer wird und eines Tages vielleicht ganz verschwindet. Die EU hat sich vorgenommen, den Anteil der Biokraftstoffe am Mineralölverbrauch bis zum Jahre 2005 um 2% und bis Jahre 2010 um 5,75% zu erhöhen. Auch in diesem Fall handelt es sich um eine relativ teure Strategie zur Vermeidung von CO2. Nach heutigem Stand der Technik kostet eine Tonne mit Bioalkohol vermiedenes CO2 an die 100 Euro. Das ist weit mehr als der derzeitige Marktpreis für vermiedenes CO2, der bei 5 Euro pro Tonne liegt. So sind auch Biokraftstoffe derzeit noch eine sehr teure Alternative. Ohne Subventionen kommen nur Länder wie Brasilien aus, die ihren Arbeitern allerdings auch derart geringe Löhne bezahlen, dass sie kaum davon leben können. Europa wird diesen Weg der billigen Arbeitskraft nicht gehen wollen. Doch wenn wir hohe Löhne bezahlen wollen, brauchen wir bessere Technik. Deshalb müssen wir nach neuen wissenschaftlich-technischen Alternativen suchen, um die Kosten zu verringern. Auch in unserer Erde schlummern gewaltige Mengen an Energie, die wir nutzen könnten. Die Erdwärme wird bereits von vielen Ländern nicht nur zur Heizung, sondern in zunehmendem Maße zur Erzeugung von Strom genutzt. Den Erneuerbaren hat sie voraus, dass sie rund um die Uhr zur Verfügung steht. Sie taugt zur Grundlast. In Island soll sie in Zukunft auch Wasserstoff erzeugen. Island wird vermutlich das erste Land der Welt mit einer Wasserstoffwirtschaft sein. Doch nicht nur das Energieangebot wird sich ändern müssen. Wir können auch die Nachfrage verringern, ohne unseren Lebensstandard einschränken zu müssen. Wir müssen nur mit Energie vernünftiger umgehen. Intelligent Energy nennen wir diese Strategie. Die EU hat dazu ein eigenes Programm entwickelt. In Gebäuden, im Verkehr, bei den Haushaltsgeräten, bei der Beleuchtung kann Energie gespart werden. In fünfzig Jahren könnten wir ohne Einschränkung des Lebensstandards mit 2000 W pro Person auskommen, das ist ein Viertel oder ein Fünftel des heutigen Leistungsbedarfs. Erst kürzlich hat eine Schweizer Initiative auf diese Möglichkeiten hingewiesen. Dazu kommen wir zu einem wesentlichen Element der Energiepolitik, nämlich der Forschung. Wenn wir tatsächlich die CO2 Emissionen in wenigen Generation drastisch verringern wollen, brauchen wir neue technische Lösungen, von denen wir heute noch keine Ahnung haben. Forschung, insbesondere die Grundlagenforschung muss deshalb in der Energietechnologie einen breiteren Raum einnehmen. Gerade die Grundlagenforschung wird dabei zum wichtigsten Verbündeten der Energiestrategie. Wer weiß, vielleicht werden wir in 50 Jahren einen Großteil unserer Beleuchtungen mit Hilfe von energiesparenden organischen lichtemittierenden Dioden betreiben oder wir werden Wasserstoff zu geringen Kosten aus organischen Abfällen herstellen. Vielleicht werden wir bis dahin auch Strom aus Licht mit Hilfe von elektrisch leitenden Polymeren gewinnen. Auch könnten Bakterien oder Algen zur Wasserstoffgewinnung zur Verfügung stehen. All dies, wie auch vieles andere, ist heute noch reine Spekulation, doch wer hätte vor hundert Jahren das Ölzeitalter vorhergesagt und wer hätte geahnt, dass man eines Tages aus einem Kubikzentimeter Uran soviel Strom herstellen kann wie aus einer Tonne Kohle. Europa muss sich deshalb im nächsten Forschungsrahmenprogramm besonders um den Energiesektor bemühen. Ich vermute, dass die wichtigsten Impulse dafür nicht aus der Energieforschung kommen, sondern aus der Materialforschung. Wir sind dabei zu lernen, wie man mit einzelnen Atomen umgeht, und haben diesem Prozess den Namen Nanotechnologie gegeben. Mit ziemlicher Sicherheit werden wir auf neue Quanteneffekte stoßen, die besonders in der Energieumwandlung von Nutzen sein können. Im EP und in den anderen Institutionen der EU, dem Rat und der Kommission, beschäftigen wir uns seit Jahren mit Erneuerbaren. Dazu tragen umfangreiche Forschungsprogramme bei. Das wichtigste Instrument zur Förderung von erneuerbaren Energien ist aber eine Richtlinie, die es den Mitgliedstaaten mit Hilfe nationaler Förderprogramme ermöglicht, erneuerbare Energien finanziell zu unterstützen. Diese Richtlinie ist deshalb nötig, da nach Europäischem Recht jegliche Förderung von Technologie im Grunde untersagt ist. Der Unionsvertrag ist ein Wettbewerbsvertrag und schließt Subventionen jeglicher Art aus. Mit dieser Richtlinie machen wir eine Ausnahme für erneuerbare Energien, wobei jedem Mitgliedsaat überlassen ist, welche Art der Förderung er wählt. Je mehr allerdings diese Strategie zum Erfolg führt, je mehr erneuerbare Energiequellen zur Verfügung stehen, umso mehr stellt sich auch die Frage der Kompatibilität der verschiedenen Fördersysteme. Spätestens 2006 wird es zu einer Überarbeitung dieser Richtlinie kommen müssen und wir müssen nach Wegen suchen, erneuerbaren Energien in ganz Europa nach einheitlichen oder einigermaßen harmonisierten Regeln zu fördern. Oder anders ausgedrückt, es muss möglich sein, dass ein dänischer Photovoltaikhersteller im heißen Spanien Photovoltaikanlagen errichtet und dabei die spanische Förderung in Anspruch nimmt, so wie ein spanischer Windkrafthersteller seine Anlagen dort baut, wo der Wind am häufigsten weht, etwa vor der schottischen Küste. Der EuGH hat im übrigen eine solche Lösung angemahnt, denn nur eine europaweite Förderung von erneuerbaren Energien ist mit den Erfordernissen eines Binnenmarkts vereinbar. Den erneuerbaren Energien haben wir auch bei der Liberalisierung der Energiemärkte einen privilegierten Platz eingeräumt. So dürfen Mitgliedstaaten den Herstellern von Strom aus erneuerbaren Energien Vorrang vor anderen Energiequellen einräumen, oder mit anderen Worten, ein Energieversorgungsunternehmen muss den Strom aus Windkraftanlagen oder Photovoltaikanlagen zu festen Preisen ins Netz aufnehmen. Erst diese Regelung hat die großzügige Förderung von Strom aus erneuerbaren Energien möglich gemacht. Neben Dänemark und Deutschland ist auch Spanien mittlerweile ein Land geworden, in dem erneuerbare Energien zu einem beachtlichen Wirtschaftsfaktor geworden sind. Spanien hat sich damit eine zukunftsträchtige Technologie ausgewählt, deren Erfolg allerdings nicht zuletzt von der Stetigkeit der Förderung abhängt. Viele, vor allem kleine und mittlere Unternehmen haben sich dieser Strategie verschrieben, im Vertrauen auf eine anhaltende Förderung durch den Gesetzgeber. Das Gefährlichste wäre, wenn Regierungen die Förderung drastisch ändern würden. Sie würden eine große Anzahl von Arbeitskräften in Gefahr bringen. Unabhängig von den politischen Parteien sollte es deshalb einen Konsens geben, dass erneuerbare Energien in unserer Industriestrategie einen festen Platz haben. Es bedarf eines langen Atems. Und wir müssen darauf achten, dass die Kosten im Rahmen bleiben. Doch wenn wir von Kosten reden, müssen die externen Kosten mit betrachtet werden. Das geschieht am besten dadurch, dass die Emissionen ein Preisschild umgehängt bekommen. Wir versuchen dies mit dem Emissionshandel. Nach dieser Richtlinie bekommen energieintensive Unternehmen gemäß einem nationalen Allokationsplan Emissionsrechte zugeteilt. Entsprechend der zugeteilten Menge dürfen sie CO2 freisetzen. Emittieren sie weniger, können sie Emissionsrechte verkaufen, emittieren sie mehr, müssen sie Emissionsrechte zukaufen. So entsteht ein Markt für Emissionsrechte. Die Unternehmen handeln in Zukunft nicht nur mit Waren und Dienstleistungen, sie handeln auch mit Emissionsrechten. Salopp ausgedrückt, sie handeln mit Luft. Die Emissionsrechte müssen nach einem Jahr zurückgegeben werden und der Staat teilt neue aus, doch diesmal etwas weniger. So übt er auf die Unternehmen Druck aus, die Emissionen durch bessere Technik zu verringern. Der Emissionshandel hilft dabei, die Investitionen dort zu tätigen, wo das CO2 auf wirtschaftlichste Weise vermieden werden kann. Der Emissionshandel senkt die Kosten der Klimapolitik. Der Preis für eine Tonne vermiedenem CO2 liegt derzeit in der Größenordnung von 5 Euro. Der Markt ist noch nicht richtig in Gang gekommen. Doch könnte er bald bei 10 oder 20 Euro liegen. Da Erneuerbare kein CO2 erzeugen, erhalten sie genauso wenig Emissionsrechte zugeteilt wie die Kernenergie. Doch beide Technologien erhalten durch den Emissionshandel einen komparativen Vorteil. Denn werden Strom und Wärme aus fossilen Rohstoffen teurer, werden Erneuerbare und Kernenergie im gleichen Maße billiger. Vor kurzen haben wir eine zweite Richtlinie beschlossen, wonach CO2-Guthaben in Drittländern erworben werden können. Es dreht sich dabei um die bereits im Protokoll von Kyoto erwähnten Mechanismen JI (Joint Implementation) und CDM (Clean Development Mechanism – Mecanismo de desarollo limpio). JI gilt für Industrieländer, CDM für Entwicklungsländer. Investiert etwa ein spanisches Unternehmen in Kolumbien in ein regionales Energieprojekt, sagen wir in ein Biomassekraftwerk, so wird dabei im Vergleich zu einem Dieselkraftwerk CO2 gespart. Diese eingesparte Menge an CO2 kann sich der Investor zertifizieren lassen. In Spanien kann er die Guthaben in Zertifikaten umwandeln lassen, mit anderen Worten, er kann sein CO2-Konto entlasten. Am Ende kann er CO2 billiger vermeiden, indem er im Ausland investiert als in seine eigenen Anlagen. Dem Klima ist es dabei egal, ob das CO2 in Spanien oder in Kolumbien vermieden wird. Und Kolumbien kommt in den Vorteil von Investitionen. Auf diese Weise können Erneuerbare weltweit gefördert werden. Allerdings muss man bei den derzeitigen Preisen für CO2 hinzufügen, dass der Geldwertvorteil derzeit noch gering ist. Doch steigt der Preis für CO2, werden CDM und JI interessant. Längerfristig entsteht auf diese Weise eine völlig neue Beziehung zwischen Europa und den Entwicklungsländern. Weitsichtige Länder richten sich bereits heute auf diese Situation ein. Abschließend möchte ich nochmals betonen, dass wir Europapolitiker hinter einer Strategie für Erneuerbare Energien stehen. Das gilt für die ohnehin, die gegen die Kernenergie sind. Das gilt aber auch für jene wie mich, die für Kernenergie einstehen. Ich gehe ohnehin davon aus, dass wir es in fünfzig oder hundert Jahren ohnehin mit einer neuen Technik zu tun haben. Wir werden lernen, mit Energie intelligenter umzugehen. Am ehesten werden wir dies lernen, wenn Energie teurer wird. Mit dieser Botschaft gewinnt man wohl keine Wahlen, doch sie ist dennoch richtig. Wir brauchen eine mäßige, aber stetige Verteuerung der Energie. Gespart wird nur, was etwas kostet. Am besten wäre deshalb, wenn wir in Europa die Energiesteuern auf einem mäßigen Niveau harmonisierten, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden. Leider bedarf es dazu immer noch der Einstimmigkeit im Rat, was bei inzwischen 25 Mitgliedsländern nicht einfach ist. Doch der Anfang ist letztes Jahr mit einer entsprechenden Richtlinie gemacht worden. Mit einer nachhaltigen Energiepolitik kann Europa an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen. Sie könnte, nein, sie wird damit auch Teil unserer europäischen Identität. So könnte Europas Botschaft an die Welt lauten: Wir zeigen Euch, wie man mit einem geringeren Verbrauch von Rohstoffen besser lebt und dabei gleichzeitig die Natur schützt.
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