![]() Rolf Linkohr Mitglied des Europäischen Parlaments |
Aufsatz 18.05.2004 |
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Hohe Ölpreise verlangen nach Alternativen im Verkehrssektor Die hohen Ölpreise werfen erneut die Frage aus, ob unsere deutsche und europäische Energiestrategie richtig ist. Bleiben die Ölpreise hoch, würgen sie die ohnehin schwache Konjunktur völlig ab. Da der Gaspreis mit Abstand von sechs Monaten dem Ölpreis folgt, zahlen wir zusätzlich für unsere Importabhängigkeit von Erdgas. Da auch die Preise für Importkohle in den letzten zwölf Monaten gestiegen sind, ist es nicht übertrieben, wenn vor einer weiteren Importabhängigkeit gewarnt wird. Der derzeit hohe Ölpreis mag in den nächsten Monaten wieder etwas zurückgehen, etwa dann, wenn die USA ihren Vorrat an Öl aufgefüllt haben oder wenn die überhitzte chinesische Wirtschaft langsamer wächst. Doch ist es unwahrscheinlich, dass er wieder auf 20 bis 25 $ pro Barrel fällt. Asien, aber auch die USA weisen anhaltend hohe Wachstumsraten auf, die wiederum den Verbrach von Öl, Gas und Kohle erhöhen. Hinzu kommt die politische Unsicherheit im Nahen Osten und in Venezuela, von den schwindenden Ölreserven Europas gar nicht zu reden. Alles deutet auf eine zunehmende Verknappung von Öl und damit auf eine schleichende Ölpreisverteuerung hin. Unter ökologischen Gesichtspunkten kann man der Ölpreiserhöhung auch etwas Gutes abgewinnen. Denn höhere Ölpreise, oder ganz allgemein, höhere Energiepreise zwingen zu einem sparsameren Umgang mit Energie. Energieeffizientere Technologien haben eine größere Marktchance und drücken den Energieverbrauch. Wenn aber diese Preiserhöhung wie Schocks auf die Wirtschaft niedergehen, wirken sie wie ökonomisches Gift und kosten zuerst einmal Arbeitsplätze. An unberechenbaren Schocks kann deshalb niemand interessiert sein. Die Zeit ist deshalb reif, sich über eine Verstetigung der Energiepolitik Gedanken zu machen. An erster Stelle muss dabei die Frage gestellt werden, ob und in welcher Weise Mineralöl in der Industrie und im Verkehr durch andere Energieträger ersetzt werden kann, um unsere Importabhängigkeit zu verringern. Bei der Substitution von Erdöl müssen auch zwei weitere Rahmenbedingungen erfüllt werden: niedrige Kosten und geringe Emissionen von CO2, dem wichtigsten Treibhausgas. Mittelfristig wäre es sicher sinnvoll, im Verkehr Erdöl durch Erdgas zu ersetzen, was technisch und kostenmäßig machbar ist. In Deutschland wird dies zaghaft versucht, andere Länder sind allerdings schon weiter. Erdgas ist durchaus geeignet, Mineralöl als Kraftstoff zu ersetzen. Vorausgesetzt, es gibt eine geeignete Infrastruktur. Es ist deshalb sinnvoll, dass Erdgastankstellennetz auszubauen. Auch wenn dies in Deutschland politisch nicht korrekt ist, so soll doch erwähnt werden, dass es sinnvoller wäre, Erdgas in den Verkehr zu lenken, Strom in der Grundlast hingegen mit Kernenergie herzustellen. Auf diese Weise hielte sich auch die Erdgasimportabhängigkeit in Grenzen. Mineralöl könnte auch durch Biokraftstoffe ersetzt werden. Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, den Anteil der Biokraftstoffe - Biodiesel und Bioethanol - bis zum Jahre 2005 auf 2% und bis zum Jahre 2010 auf 5.75% des gesamten Mineralölverbrauchs zu erhöhen. In den USA dürfte der Anteil der Biokraftstoffe bis 2010 auf 3% steigen. Kolumbien hat sich 10% als Ziel gesetzt. In vielen Staaten der Welt wird derzeit an Plänen gearbeitet, die Produktion von Biokraftstoffen zu erhöhen. Spitzenreiter ist weiterhin Brasilien, wo etwa die Hälfte des weltweit hergestellten Bioethanols herkommt. In zunehmendem Maße wird mit Biokraftstoffen gehandelt. Der Weltmarkt wächst um jährlich 2 bis 3%. Vermutlich wird die EU den Mercosur-Staaten, im wesentlichen Brasilien, eine Einfuhrgenehmigung von 1 Milliarde € pro Jahr zugestehen, das ist etwa 1% des Mineralölverbrauchs der EU. Was ist noch zu tun, bzw. wo sind die Probleme? Die Kosten sind noch zu hoch. Bioethanol aus Weizen oder Zuckerrüben kostet in Europa um die 50 Cents pro Liter. In den USA liegen die Kosten bei umgerechnet 30 Eurocents pro Liter, wobei Mais als Rohstoff dient. In Brasilien wird Alkohol aus Zuckerrohr zu Kosten von etwa 10 Eurocent hergestellt. Ohne steuerliche Unterstützung geht deshalb in Europa nichts. Derzeit verzichten die Finanzminister der EU jährlich auf etwa 80 Millionen € an Mineralölsteuereinnahmen, um Biodiesel und Bioethanol verbilligt an den Kunden zu bringen. Hauptkostenfaktor ist der Rohstoff. Seine Kosten zu senken ist deshalb oberstes Gebot, wenn Biokraftstoffe eine Zukunft haben sollen. Doch die Aussichten auf eine Kostensenkung sind günstig. Zum einen senkt die Massenproduktion die Kosten, weil die Technologie standardisiert wird. Zum zweiten besteht die berechtigte Hoffnung, in Zukunft nicht nur die Stärke in Glukose - und anschließend in Alkohol – verwandeln zu können, sondern auch die Zellulose in Zucker verwandeln zu können. Damit könnte die gesamte Pflanze genutzt werden können, was völlig neue Perspektiven erlaubt. Denn es könnte jeglicher biologischer Abfall in Biokraftstoffe verwandelt werden. In Brasilien geht man davon aus, dass sich mit derart neuen Technologien der Biokraftstoff mit Kosten unter 10 Eurocent pro Liter herstellen ließe. Die Hydrolyse von Zellulose, wie dieser Prozess genannt wird, erfolgt unter dem Einsatz von besonderen Enzymen, die erst noch entwickelt bzw. optimiert werden müssen. Erstaunlicherweise werden sie in Europa vor allem mit Mitteln der amerikanischen DOE (Department of Energy) entwickelt, weil weder die EU noch die Mitgliedstaaten ausreichend Mittel zur Verfügung stellen. Die Entwicklung neuer Enzyme geschieht mit den modernsten Methoden der Genetik. Ach wird an sog. Energiepflanzen gearbeitet, die mittels der Gentechnik auf einen optimalen Energieumsatz programmiert werden. Auch darin sind die Amerikaner den Europäern voraus. Das Risiko für die Europäer besteht nun darin, dass sie einerseits technisch und wissenschaftlich von anderen abgehängt werden, zum anderen, dass die zunehmenden Importe die Unternehmen entmutigen, in eigene Anlagen zu investieren. Im Übrigen bleiben die meisten Staaten Europas hinter den gesteckten Zielen zurück. Nur wenige Staaten, darunter Deutschland, halten die Spur. Da die erwähnten Ziele von 2% (2005) und 5.75% (2010) nur Orientierungswerte sind und da die angespannte Haushaltslage vieler EU-Mitgliedstaaten keine großen Spielräume lässt, steht zu befürchten, dass Europa weit hinter seine ehrgeizigen Ziele zurückfällt. Biokraftstoffe haben zum Erstaunen vieler dennoch eine große Zukunft. Das ist auch das Ergebnis einer internationalen Konferenz "World Biofuels 2004", die vom 11. bis 12. Mai 2004 in Sevilla stattfand und die Rolf Linkohr zum Teil leitete. Allerdings wird Europa nur dann eine größere Rolle spielen, wenn es eine indikativen Ziele zu einer industrie- und forschungspolitischen Initiative bündelt. Willenserklärungen allein genügen nicht. Das gilt vor allem in Angesicht der bevorstehenden brasilianischen Exportinitiative.
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