Rolf Linkohr
Mitglied des Europäischen Parlaments
Vortrag
09.12.2002

 

Europas künftige Energiepolitik – Les solutions pour l'avenir des énergies en Europe

Vortrag gehalten am 9.Dezember 2002 in Marseille beim XII. Kolloquium der "Jeunes Sociétaires de la SFEN

 

Lassen Sie mich mit einer Anekdote beginnen. Ein Physikprofessor steht im Hörsaal vor seinen Studenten und füllt große Steine in einen Eimer. Dann fragt er, ob der Eimer voll sei. Alle sagten ja. Doch der Professor widersprach und füllte die Lücken der großen Steine mit Kieselsteinen. Wieder fragte er, ob jetzt der Eimer voll sei. Jetzt war die Antwort der Studenten nein. Der Professor nahm dann kleine Steine und füllte sie in die restlichen Lücken. Wieder kam die Frage, ob der Eimer voll sei. Die Antwort war wieder nein. Tatsächlich war noch Platz für Sand. Erneut fragte der Professor, ob jetzt der Eimer voll sei. Wieder war die Antwort nein. Jetzt fügte der Professor noch Wasser hinzu. Es hatte in den Poren des Sandes noch Platz. Erst jetzt war der Eimer voll.

"Was bedeutet dieses Experiment", fragte der Professor?

"In den Zwischenräumen ist immer noch Platz für kleinere Teilchen", sagten die Studenten.

"Nein", sagte der Professor. "Das Experiment zeigt uns etwas anderes. Wenn wir etwas einordnen, sollen wir immer zuerst die großen Teile nehmen, dann die nächstgroßen, dann die kleineren, etc. So kann man viele Dinge auf kleinem Raum unterbringen. Auch im Leben müßt Ihr Euch so verhalten. Klärt zuerst die ganz großen Probleme, dann die weniger großen, dann die kleineren, aber nie umgekehrt. Beginnt nie mit den Details, sondern mit dem Wesentlichen".

Ich möchte mich an diese Weisheit halten und zuerst einmal die großen Fragen in der globalen Energiepolitik behandeln. Dann möchte ich auf die Schlußfolgerungen für Europa zu sprechen kommen. Und am Schluss möchte ich fragen, was dies für die Technik und die Forschung bedeutet.

Bei allen Versuchen, künftige Entwicklungen zu skizzieren, müssen wir uns immer wieder daran erinnern, dass wir von unserem heutigen Wissen ausgehen. Wir wissen nicht, was wir in Zukunft wissen. So wissen wir nichts über künftige politische Konflikte. Oder über die Entdeckungen in Wissenschaft und Technik. Sollte zum Beispiel morgen jemand einen Supraleiter entdecken, der bei Zimmertemperatur Strom widerstandslos leitet, wird die künftige Energietechnik ganz anders aussehen als heute. Oder sollte es uns gelingen, mit Hilfe der grünen Algen und des Sonnenlichts Wasser kostengünstig in Wasserstoff und Sauerstoff zu spalten, so stünden wir tatsächlich am Beginn des Wasserstoffzeitalters. Doch all das wissen wir nicht, können es im Prinzip nicht wissen, und deshalb ist jede Bemerkung darüber Spekulation. Doch auszuschließen ist dies nicht. Wünschbar wäre es ohnehin.

Was sind nun die aus heutiger Sicht wahrscheinlichen Trends in der globalen Energiepolitik? Die wichtigste Feststellung ist, dass der Verbrauch an Energie weltweit zunehmen wird. Das durchschnittliche jährliche Wachstum wird von der IEA (International Energy Agency) auf 1,7% geschätzt. Das größte Wachstum findet in den Entwicklungsländern statt, deren Verbrauch bald den der OECD-Staaten übersteigen wird. Auf viele Jahrzehnte hinaus werden fossile Energieträger den Weltenergiemarkt dominieren. In den nächsten dreißig Jahren werden dafür ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen. In der Folge wird der Handel mit Energie zunehmen. Die Bedeutung der Öl- und Gas exportierenden Länder wird wachsen. Und die Öl- und Gas importierenden Länder werden abhängiger. Versorgungssicherheit wird erneut ein Thema werden. Sie wird die strategischen Überlegungen der betroffenen Länder mehr als in der Vergangenheit beeinflussen.

Um den Strom bereitzustellen, müssen enorme Investitionen getätigt werden. Die IEA schätzt, dass in den nächsten 30 Jahren allein dafür 4200 Mrd. $ bereitgestellt werden müssen, das sind 130 Mrd $ oder € pro Jahr. Dies geht nur, wenn sich die Länder fremden Investitionen gegenüber öffnen, wenn sie eine investitionsfreundliche Politik betreiben, denn viele verfügen nicht über das nötige Kapital. Dafür müssen aber oftmals erst noch die Voraussetzungen geschaffen werden.

Die CO2-Emissionen werden zunehmen, von derzeit etwa 22 Mrd. t auf vermutlich 38 Mrd. t. Der größte Zuwachs erfolgt in den Entwicklungsländern, deren Anteil an den CO2-Emissionen von derzeit 34% auf fast 50% zunehmen wird. Allein China wird in 30 Jahren fast 7 Mrd t CO2 erzeugen. Allerdings wird es immer noch unter dem Wert der USA bleiben, die vermutlich auch 2030 die größten CO2-Emittenten sein werden.

Heute hat ein Viertel der Weltbevölkerung keinen Zugang zu Elektrizität. Auch im Jahre 2030 dürften trotz großer Anstrengungen bei einer vermutlich auf 8,2 Mrd Menschen angewachsenen Weltbevölkerung immer noch 1,4 Mrd. Menschen ohne Zugang zu Elektrizität leben. Die Zahl der Personen, die mit Holz oder Tierdung kochen, wird eher zu- als abnehmen.

Über die Prozentzahlen mag man streiten. Doch sie sind nicht so wichtig. Denn die genauen Werte hängen von den Energiestrategien der einzelnen Länder ab. Glücklicherweise treffen Prognosen nie genau ein. Doch qualitativ dürfte das Bild, das ich von der Energiepolitik der Welt gezeichnet habe stimmen.

Schauen wir uns nun einige Entwicklungen genauer an.

Im Jahre 1970 wurden weltweit 5000 Mtoe verbraucht, im Jahre 2000 wurden bereits 9200 Mtoe nachgefragt, und 2030 dürften es an die 15000 Mtoe sein. Das heißt, in 60 Jahren, also zwei Menschengenerationen verdreifacht sich der Verbrauch an Energie. Der Anteil der fossilen Energien nimmt dabei nicht ab, sondern zu. Beträgt er im Jahre 2000 87%, so wird er bis 2030 auf 89% zunehmen. Der Anteil der Erneuerbaren Energien, einschließlich der großen Wasserkraft, wird von weltweit 5 auf 6% zunehmen, wenn man den Schätzungen der IEA Glauben schenkt. Umgekehrt wird der Anteil der Kernkraft von 7 auf 5% zurückgehen.

Ich wiederhole, all dies sind Schätzungen, die je nach gewählter Energiestrategie nach unten oder oben abweichen können. Doch qualitativ dürfte das Bild sicher stimmen. Die Welt bleibt weiterhin von den fossilen Energieträgern abhängig. Der Ölbedarf der Welt steigt von derzeit etwa 75 mb/d auf 120 mb/d, wobei der Verkehrssektor mehr als die Hälfte der Bedarfs ausmacht.

Am stärksten wächst der Verbrauch von Erdgas. Die Welt wird in 30 Jahren doppelt so viel Gas verbrauchen wie heute. Der Anteil des Gases am Weltenergieverbrauch wird von heute 23% auf 28% zunehmen. 60% davon wird zur Erzeugung von Elektrizität benutzt.

Weniger schnell wird der Verbrauch von Kohle zunehmen, ihr Anteil wird von 26 auf 24% sinken. Doch wird der Verbrauch trotzdem jährlich um 1,4% zunehmen, von heute etwa 2300 Mtoe auf 3600 Mtoe im Jahre 2030.

Nach heutigem Wissen muss man davon ausgehen, dass in den Industrieländern der Anteil der Kernenergie zurückgeht. Nur in Asien werden derzeit in nennenswertem Umfang Kernkraftwerke gebaut. Hingegen wird der Anteil der Erneuerbaren vor allem in den OECD-Ländern wachsen. Sieht man einmal von der Wasserkraft ab, so wird ein weltweites Wachstum von jährlich 3,3% erwartet. Es ist das höchste Wachstum von allen Energieträgern. Dafür ist vor allem die Windkraft und die Biomasse verantwortlich. In der Summe bleibt der Beitrag der Erneuerbaren dennoch gering, da die hohen Wachstumsraten nicht darüber hinwegtäuschen können, dass die Erneuerbaren von einem sehr niedrigen Niveau starten.

Das höchste Wachstum werden die Entwicklungsländer haben. Große Länder wie China und Indien werden vor allem die heimische Kohle nutzen, bei Gas und Erdöl werden sie zunehmend zum Importeur. Sie werden versuchen, ähnlich wie die Industrieländer strategische Öl- und Gasreserven zu sichern. Daraus ergeben sich möglicherweise Konflikte mit den Industrieländern, vor allem dann, wenn Öl und Gas künstlich verknappt werden sollte.

Auf der Seite der Endverbraucher wird Öl den höchsten Zuwachs haben. Dafür ist der Verkehrssektor verantwortlich. Schon 2020 wird der Verkehr weltweit mehr Energie verbrauchen als die Industrie. Im Wohnungs- und Dienstleistungsbereich werden wir mit 1,7% ebenfalls Wachstum des Energieverbrauchs zu erwarten haben, es liegt sogar etwas höher als im Industriesektor, wo 1,5% jährliche Zunahme erwartet wird.

Verdoppeln wird sich der Verbrauch an Strom. Der Stromerzeugung wird ein weltweites Wachstum von 2,4% vorausgesagt, wobei die Entwicklungsländer das höchste Wachstum erwarten. In China rechnet man mit einem jährlichen Zuwachs von 4,2%. Trotzdem wird auch 2030 der pro-Kopf Verbrauch an Elektrizität in den OECD-Ländern immer noch sehr viel höher sein als in den Entwicklungsländern.

Wo kommt nun die Energie her?

In den nächsten Jahrzehnten wird die Bedeutung Europas und der USA als Energieproduzent zurückgehen. Europa wird schon der Kosten wegen immer weniger Kohle fördern, auch gehen die Erdöl- und Erdgasreserven langsam zur Neige. Europas Energieabhängigkeit wächst von heute etwa 50% auf 70 oder 80%. In den USA ist die Lage nicht ganz so deutlich, doch auch dort wird tendenziell mehr importiert werden müssen. Da die größten Öl- und Gasreserven im arabisch-persischen Golf und in den Republiken der früheren Sowjetunion liegen, werden diese Länder eine immer größere strategische Rolle spielen. Aber auch andere Länder, wie Nord- und Westafrika, Venezuela und Mexiko werden an strategischer Bedeutung gewinnen.

Hinzu kommt, dass nicht nur Europa, USA und Japan große Mengen an Öl und Gas importieren, sondern in Zukunft auch große Entwicklungsländer wie China und Indien. Schon heute gibt es Projekte für große Öl- und Gasleitungen aus dem Innern Asiens, Vorhaben, die das strategische Gleichgewicht vor allem in Mittelasien erheblich stören könnten.

Keinen Mangel gibt es an preisgünstiger Kohle. Sie wird im Tagebau in Südafrika, in Australien, USA, Kolumbien, aber auch in Indien, Indonesien und China gefördert. Sollte der Preis steigen, dürften auch Ölschiefer eine größere Bedeutung gewinnen. Rein physikalisch betrachtet reichen die fossilen Energieträger noch viele Jahrhunderte, wenn nicht ein Jahrtausend.

Viel besorgniserregender ist die klimatologische Folge der fossilen Energieträger. Die Emission von CO2 wird um jährlich 1,8% zunehmen und bis 2030 vermutlich 38 Mrd t erreichen. Viele Klimatologen sind der Meinung, wir müssten in 50 Jahren wieder der vorindustriellen Wert von etwa 10 Mrd. t erreichen, um die Erwärmung der Erde zurückzudrängen. Angesichts der wahrscheinlichen Entwicklung eine geradezu herkuleische Aufgabe!

An dieser Stelle möchte ich einen kurzen Ausflug in die Klimapolitik machen. Denn Klima- und Energiepolitik sind in Zukunft eng verbunden. Wir haben uns verpflichtet, die Emission von Treibhausgasen zu verringern, was wir nur durch Veränderung unseres Energiesystems erreichen können. Letztlich müssen wir den Verbrauch von fossilen Energieträgern einschränken oder die dabei frei werdende Menge an CO2 sequestrieren, das heißt abtrennen und für alle Zeit sicher lagern. Die Energiepolitik ist, wenn wir den Klimatologen recht geben, eine abgeleitete Größe der Klimapolitik.

Was wissen wir über den Klimawandel?

Wir messen, das heißt, wir wissen mit Bestimmtheit, dass die Erde wärmer wird. Seit hundert Jahren nimmt die Temperatur um fast 1 Grad Celsius zu. Die Erwärmung hat zwei Ursachen: eine natürliche, an der wir nichts ändern können, denn das Klima hat sich immer verändert, hin zu wärmeren oder kälteren Werten, und eine menschliche Ursache, die wir beeinflussen können.

Der Mensch trägt zum Klimawandel bei, weil seit der Industrialisierung immer mehr Treibhausgase, vor allem CO2 emittiert werden. Lassen wir einmal der Einfachheit halber den Beitrag der anderen Treibhausgase, also Methan, N20, SF6, die halogenierten und teilhalogenierten Fluorkohlenwasserstoffe beiseite und konzentrieren uns auf das wichtigste Treibhausgas, das CO2. Dann fällt auf, dass im Jahre 1750 280 ppm gemessen wurden, 1999 aber bereits 367 ppm. In den letzten 420000 Jahren, vermutlich in den letzten 20 Mio. Jahren wurde noch nie eine derart hohe Konzentration an CO2 festgestellt. Und jedes Jahr kommen 2 bis 3 ppm hinzu. Verantwortlich sind die fossilen Energieträger und die Abholzung der Wälder. Die Klimatologen sagen deshalb eine Temperaturerhöhung um einige Grad bis Ende dieses Jahrhunderts voraus.

Dagegen setzen wir eine Politik der Vermeidung von CO2. Die Europäische Union hat das Protokoll von Kyoto ratifiziert, das uns EU-Europäer verpflichtet, bis 2010 die Emissionen um 8% gegenüber dem Wert von 1990 zu verringern. Andere Industrieländer haben sich ähnliche Ziele gesteckt und Kyoto ebenfalls ratifiziert. Lediglich die USA weigern sich, weil sie die Emissionsminderung als schädlich für ihre Volkswirtschaft ansehen. Die Entwicklungsländer sind ohnehin von Anstrengungen freigestellt.

Nun kostet jede Vermeidungsstrategie Geld. Im Augenblick liegen die Kosten für Europa noch weit unter einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Auch erreichen wir unser Ziel vor allem dadurch, dass wir Kohle durch Gas ersetzen. Da Gas billiger als Kohle, vor allem als heimische Kohle ist, verringern wir zuweilen sogar die Kosten. Deshalb ist es kein Zufall, dass das Land Europas, das am ersten mit der Liberalisierung des Energiemarkts begann, nämlich Großbritannien, schon frühzeitig Kohle durch Gas ersetzt hat – schlicht weil es billiger war, Strom aus Gas als aus Kohle zu erzeugen. Als ökologischer Nebeneffekt ergab sich eine Verringerung der CO2 Emissionen.

In dem Maße, wie sich die Substitution von Kohle durch Gas erschöpft, wachsen die Kosten der Vermeidungsstrategie. Denn wir müssen Rohstoffe durch teure Technik ersetzen. Und Technik ist teuer. Die Kosten der Klimapolitik könnten deshalb bald das erträgliche Maß überschreiten und die Bevölkerung gegen die Vermeidungsstrategie aufbringen.

Hier bietet sich nun mit den flexiblen Maßnahmen des Kyoto-Protokolls ein eleganter Ausweg. Denn diese Maßnahmen – Clean Development Mechanism, Joint Implementation und Emissionshandel – erlauben es, durch Investitionen in Drittländern Treibhausgasemissionen zu verringern und sich die eingesparten Mengen an Treibhausgasen auf das eigene Konto anrechnen zu lassen. Da Investitionen in Drittländern zur Verringerung der Treibhausgasemission in aller Regel billiger sind als bei uns, lohnt sich die Geldanlage.

Besonders interessant dürfte der Emissionshandel werden. Dabei handelt es sich um die Mengen an CO2, die durch Investitionen vermieden wurden. Ein Unternehmen oder ein Land kann die Mengen an CO2, die es über eine vorgegeben Quote hinaus vermieden hat, an ein anderes Unternehmen oder Land verkaufen, das seine Quote nicht ganz erfüllen kann. So entsteht ein Markt für CO2. Dessen Preis legt eben dieser Markt fest. Obwohl es noch keinen offiziellen Markt gibt, wurden seit 1996 bereits mehr als 70 freiwillige Geschäfte mit CO2 abgeschlossen. Der Preis für CO2 liegt derzeit bei 3 bis 8 € pro Tonne. In Zukunft dürfte er erheblich steigen.

Nun stellen wir uns einmal vor, ein großes europäisches Unternehmen, das seine Emissionen verringern müsste, würde in einem Entwicklungsland investieren und dort nachgewiesenermaßen jährlich 50 Mio. t CO2 sparen. Es könnte sich diese Menge zertifizieren lassen und sich auf sein nationales Konto gut schreiben lassen. Nehmen wir des weiteren an, der Preis für die jährlich vermiedene Tonne CO2 läge bei 20 €, so hätte das Entwicklungsland eine Einnahme von 50 mal 20, also 1 Mrd. € pro Jahr. Sollte der Preis für die vermiedene Tonne in Europa bei 30 € pro Tonne liegen, hätten beide Seiten einen Gewinn gemacht. Das Entwicklungsland käme zu Geld, das europäische Unternehmen hätte noch Gewinn gemacht.

In der EU werden wir vermutlich ab 2005 mit dem internen Emissionshandel beginnen. Nach dem Protokoll von Kyoto wird er ab 2008 in allen Unterzeichnerstaaten stattfinden. Meine Bemerkungen beziehen sich also auf eine reale, nicht auf eine imaginäre Welt.

Es ist ziemlich schwierig, ja, in höchstem Maße spekulativ, die Auswirkungen des Protokolls von Kyoto auf die Energiepolitik abzuschätzen. Vieles, was ich oben gesagt hatte, könnte zur Makulatur werden, weil fossile Energieträger durch den Emissionshandel teurer werden. Umgekehrt werden Erneuerbare und Kernenergie vergleichsweise billiger, denn sie emittieren kein CO2. Bleiben die Kosten für das vermiedene CO2 gering, wird sich wiederum wenig ändern.

Soviel zu unserem Ausflug in die Klimapolitik und ihre vermutlichen Auswirkungen auf die Energiepolitik. Ich möchte nun nach Europa zurückkehren und erörtern, welche Maßnahmen wir in Europa ergreifen müssen.

Unsere Maßnahmen müssen eine Antwort auf die Herausforderungen geben, die ich soeben beschrieben habe.

Da ist zum einen die Klimapolitik. Europa hat sich, wie ich bereits erwähnte, vertraglich verpflichtet, bis zum Jahre 2010 die Treibhausgasemissionen gegenüber dem Jahre 1990 um 8% zu verringern, ein Ziel, von dem wir noch weit entfernt sind, das zu erreichen aber nicht unmöglich ist. Zu diesem Zweck wurden auf die einzelnen Mitgliedstaaten der EU CO2-Emissionsquoten verteilt, die sie nur gegen Strafe überschreiten dürfen. Damit ist der Spielraum der nationalen Energiepolitik erheblich eingeengt. Eine der Folgen der Klimapolitik ist der Emissionshandel. CO2 bekommt in Zukunft einen Preis, der in die Kostenkalkulation der Unternehmen einfließt. Wir kaufen und verkaufen in Zukunft nicht nur Strom und Wärme, sondern auch CO2. Damit wird Energie aus fossilen Energieträgern tendenziell teurer. Man kann sich leicht ausmalen, was dies für die Zukunft bedeutet. Kyoto ist auf den ersten Blick kein Freund der Kohle, sondern der Erneuerbaren und – ohne es zu sagen – der Kernkraft.

Unsere europäische Gesetzgebung, unsere Energietechnik und nicht zuletzt die Forschung müssen deshalb darauf ausgerichtet sein, die Forderungen der Klimapolitik zu erfüllen. Dabei geht es nicht nur um Kyoto. Viel wichtiger wird sein, was nach Kyoto kommt. Wenn wir bis 2050 weltweit annähernd auf den vorindustriellen Stand der Emissionen von jährlich 10 Mrd. t CO2 kommen wollen, und das bei bis dann vermutlich 10 Mrd. Erdenbewohnern, dann heißt dies, dass in 50 Jahren jeder Mensch auf Erden nicht mehr als jährlich 1 t CO2 erzeugen darf. Das ist gerade soviel, wie heute ein Inder emittiert. In Frankreich sind es derzeit 7, in Deutschland 10 und in USA sogar 20 t! Es geht in der Energiepolitik also ganz klar um die Frage, wie können wir unseren Lebensstandard aufrechterhalten und gleichzeitig nur noch einen Bruchteil an CO2 emittieren. Das ist die eigentliche energiepolitische Herausforderung.

Bislang weichen wir der Frage dadurch aus, dass wir Kohle und Öl durch Erdgas ersetzen. Unser Erdgas kommt in zunehmendem Maße aus Russland. Und Russland hat Interesse, uns mehr Gas zu verkaufen. Für die russischen Gasgesellschaften, an erster Stelle Gasprom, ist es lukrativer, Gas in Europa als in Russland zu verkaufen. Hier erhalten sie einen höheren Preis. Deshalb ist es erklärte Politik Russlands, zuhause den Verbrauch von Erdgas in Grenzen zu halten und soweit wie möglich Gas durch Kohle und Kernkraft zu ersetzen. Im Ergebnis schränken die Europäer den Verbrauch der Kohle ein, während die Russen mehr Kohle einsetzen. Russland emittiert damit das CO2, das wir einsparen. In Europa werden zudem modernste Kernkraftwerke geschlossen, während in Russland die Lebensdauer von Kernkraftwerken verlängert wird, die bei uns nie eine Zulassung bekämen.

Eine solche Energiepolitik ist absurd und schlichter Unsinn. Es hat sich nur noch nicht herumgesprochen. Es erscheint mir aber wichtig, dass wir diese Widersprüche ansprechen und wenn möglich durch einen offensiven Dialog mit Russland einer Lösung zuführen. Der Energiedialog mit Russland muss die Klimapolitik und die Kernenergie miteinbeziehen.

Die zweite große Herausforderung neben der Klimapolitik ist unsere zunehmende Abhängigkeit von Energieimporten, vor allem von Gas und Erdöl. In 10 oder 15 Jahren werden wir vermutlich dieselbe Energieabhängigkeit haben wie 1970. Das Schicksal der Wirtschaft wird in noch stärkerem Maße vom Ölpreis abhängig sein als heute, das heißt, wir werden erpressbarer. In der Folge wird Europas Außen- und Sicherheitspolitik immer mehr von der Sicherung der Energiequellen bestimmt werden.

Nun gibt es rein physikalisch betrachtet genüg Öl und Gas, zumindest für die nächsten 30 Jahre. Doch es ist ungleich verteilt und aus der Erfahrung der Vergangenheit wissen wir, dass um die Energiequellen auch Kriege geführt worden sind. So ist der Zugang zu den Ölquellen des Golfs für Europa wie für die USA von vitaler Bedeutung. Jeder, der das Gegenteil behauptet ist naiv. Größere Abhängigkeit von Energieimporten heißt deshalb auch, dass wir uns um die Sicherung der Ölquellen bemühen müssen, am Schluss vielleicht sogar mit militärischer Gewalt. Für Europa ist dies ein Alptraum.

Als Ausweg bietet sich kurzfristig nur an, die Importe soweit wie möglich zu diversifizieren, also mehr in Mittelasien und Russland oder anderswo zu kaufen, weniger hingegen im Golf, vor allem aber sollten wir uns aber langfristig bemühen, mit weniger Öl und Gas auszukommen. Eine solche Strategie trifft sich mit den Zielen der Klimapolitik. Wir nennen dies inzwischen den intelligenten Umgang mit Energie. Mit anderen Worten, wir wollen unseren Lebensstandard halten, indem wir mit Energie intelligenter, also sparsamer umgehen.

Es gibt aber noch eine dritte Randbedingung, die Europa in der Energiepolitik einhalten muss. Energie muss zu wirtschaftlichen Bedingungen zur Verfügung stehen. Sie muss billig genug sein, damit die energieintensiven Branchen nicht abwandern, sie muss aber auch teuer genug sein, um nicht verschwendet zu werden. Denn wird Energie zu teuer, wandern die Aluminium- oder Stahlhersteller in Länder ab, in denen Strom und Gas billig sind. Wir verlieren Arbeitsplätze und global ist für die Umwelt nichts gewonnen. Die bei uns vermiedenen CO2-Emissionen entstehen anderswo. Wird Energie aber zu billig, wird mit ihr nicht vernünftig umgegangen. Am besten wäre wohl, Energie würde in kleinen Schritten berechenbar teurer, damit die Industrie und der Verbraucher die richtigen Signale empfangen, um sich längerfristig darauf einzurichten.

Damit komme ich zum letzten Thema, der Wissenschaft und Technik. Denn am Ende hängt alles von der Technik ab, mit der wir Energie umwandeln. Wenn wir unseren Lebensstandard erhalten wollen, müssen wir in zunehmendem Maße Energie durch Technik ersetzen. Die Aussichten dafür sind gut.

Nehmen wir ein kleines Beispiel. Mit Hilfe dünner Schichten kann heute die Licht- und Wärmedurchlässigkeit von Glas so verbessert werden, dass wir in unseren Bürogebäuden und Wohnungen den Energieverbrauch um 20 bis 30% verringern können. Diese Schichten sind ein Ergebnis der Fortschritte in der Nanotechnologie, also der Wissenschaft von den kleinsten Teilchen, mithin also der Grundlagenwissenschaft.

Energie lässt sich auch mittels der Biotechnologie sparen, etwa durch den Einsatz von Enzymen in biotechnologischen Prozessen, bei der Herstellung von Polymeren aus nachhaltigen Rohstoffen, usw.

In der Energietechnik werden wir immer mehr Anleihen machen in Bereichen, die mit Energie zuerst einmal nichts zu tun haben. Nicht die Energieforschung im engeren Sinne, sondern die Grundlagenwissenschaft ist deshalb der Schlüssel zum intelligenten Umgang mit Energie. Europa kann sich deshalb nur mit groß angelegter Forschung aus dem Dilemma der Energiepolitik lösen.

Pessimismus ist überflüssig. Vor zweihundert Jahren arbeiteten 95% der europäischen Bevölkerung in der Landwirtschaft und konnten trotz größter Anstrengung den Hunger nicht besiegen. Heute sind es noch 2% und sie produzieren mehr als wir essen und trinken können. Mit anderen Worten, es hat eine Effizienzrevolution stattgefunden, die wir uns früher nie vorstellen konnten. Warum sollte es in der Energietechnik nicht möglich sein, dass wir eine ähnliche Effizienzsteigerung fertig bringen wie in der Landwirtschaft?

Fortschritte erwarte ich aber auch bei der Energietechnik im engeren Sinne. Bereits mit der heute vorhandenen Technik können wir 20 bis 30% des Energieverbrauchs in unseren Gebäuden verringern. Mittels moderner Solararchitektur ließe sich dieser Wert erheblich steigern. Die Biomasse, die vor allem in Entwicklungsländern in Form von Holz, Zuckerrohrbagasse oder Kuhdung eine große Rolle spielt, könnte bereits heute viel rationeller verwendet werden. Auch wenn die Photovoltaik heute noch teuer ist, kann sie bereits heute in entlegenen Regionen eine wirtschaftlich sinnvolle Lösung sein. Ohnehin werden wir in den nächsten Jahrzehnten vermutlich einen Preissturz bei der Photovoltaik erleben, wenn Dünnschichtzellen oder elektrisch leitende Polymere zur Verfügung stehen, die ähnlich wie metallische Halbleiter einen Photoeffekt haben.

Auch die Brennstoffzelle verbessert den Wirkungsgrad. Möglicherweise wird sie eines Tages auch bei uns in Europa die Grundlast tragen. Wir werden uns vielleicht einmal vom zentralen Kraftwerk verabschieden und dezentrale Anlagen, also Brennstoffzellen bevorzugen, in denen wir Erdgas in Kraft und Wärme mit hohem Wirkungsgrad umwandeln.

Aber auch die Kohle hat Zukunft. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass wir eines Tages Kohlekraftwerke mit einem Wirkungsgrad von 55% haben werden. Das ist dann der Fall, wenn wir Kohle bei sehr hohen Temperaturen verbrennen können. Dazu brauchen wir hitzebeständige Materialien. Der Schlüssel zum modernen Kohlekraftwerk liegt also bei den Materialwissenschaften. Ja, man könnte sich sogar vorstellen, die Kohle so zu vergasen, dass am Ende nur noch Wasserstoff und CO2 entsteht, wobei das CO2 abgetrennt und unter die Erde gebracht wird, wo es für immer bleibt. Dass dies möglich ist, wissen wir aus einer Reihe von gelungenen Experimenten. Ein solches Kohlekraftwerk wäre frei von Emissionen, es würde der Kohle auch unter den Zwängen der Klimapolitik eine Zukunft sichern.

Auch die Kernenergie könnte eine größere Rolle spielen, vor allem dann, wenn es gelänge, die Investitionskosten zu senken. Derzeit liegen sie in der Größenordnung von 1900 € pro KWe. Sie liegen dabei erheblich über dem Wert für Gaskraftwerke. Gelänge es, die Investitionskosten um 20 bis 30% zu verringern, etwa durch Hochtemperaturreaktoren in der Größenordnung von 250 MWe, deren Bauzeit sich durch Serienfertigung verkürzen ließe, so wäre die Kernenergie wieder die kostengünstigste Stromquelle. Hochtemperaturreaktoren sind nebenbei inhärent sicher. Der Einwand mangelnder Sicherheit wäre damit auch theoretisch wiederlegt.

Hochtemperaturreaktoren könnten auch die Quelle für Wasserstoff werden, der dann das Erdöl im Verkehr ersetzt. Wasserstoff könnte aber auch aus erneuerbaren Energien gewonnen werden, oder vermutlich noch intelligenter, aus geo-thermischen Quellen wie heute bereits in Island. Ohnehin schlummert in der Geothermie ein riesiges, aber ungenutztes Energiepotential, das vermutlich nur deshalb so zögerlich genutzt wird, weil die Geothermie keine Lobby hat.

Neben Hochtemperaturreaktoren kommen aber auch Druckwasserreaktoren moderner Bauart der Forderung nach höchster Sicherheit entgegen. Sonst hätten sich die Finnen nicht in einer demokratischen Abstimmung für den Bau eines fünften Kernkraftwerks ausgesprochen.

Was den Abfall betrifft, so handelt es sich eher um ein psychologisches als um ein wissenschaftliches Problem. Der radioaktive Abfall kann auf verschiedene Weise behandelt werden. Er kann unbehandelt unter die Erde gebracht werden oder erst nach Abtrennung der langlebigsten Isotope. Auch kann durch Transmutation ein Teil der langlebigen radioaktiven Isotope in kurzlebige umgewandelt werden. Wichtig scheint mir nur der Hinweis zu sein, dass der unter die Erde gebrachte Abfall eines Tages auch wieder als Energierohstoff verwendet werden kann, wenn dies spätere Generationen so wollen. Ein solches Konzept verfolgen die Schweden und die Finnen. Auch in Deutschland wird dies angedacht.

Die Möglichkeiten der Kernenergie sind aber damit nicht erschöpft. Carlo Rubbia hat uns gezeigt, wie man auch einen Reaktor bauen kann, der von einem Protonenbeschleuniger angetrieben wird und der jede Sekunde gefahrlos abgeschaltet werden kann, der also hundert Prozent sicher ist. Außerdem ließe er sich mit dem proliferationssicheren Thorium betreiben, und langlebige Isotope würde er nebenbei auch noch in kurzlebige verwandelt.

Zu den vielen Varianten der Energietechnik gesellt sich noch die Thermonukleare Fusion, die vermutlich im Laufe dieses Jahrhunderts in industriellem Maßstab zur Verfügung stehen wird. Mit ihr wird übrigens zum ersten Mal eine Technik global, weil gemeinsam von den großen Industrieländern einschließlich Chinas entwickelt, so dass auch die Hoffnung besteht, dass wir eine einheitliche und hohe Sicherheitskultur erhalten.

Was ist nun die Rolle der EU?

Zum einen beteiligen wir uns an der Forschung. Jährlich gibt die EU mehr als 4 Mrd. € für Forschungsprojekte aus, davon ca. 250 Mio. € für nicht-nukleare und über 300 Mio. € für nukleare Projekte. Der Anteil für die Nuklearforschung ist deshalb so hoch, weil die EU 80 % der teuren Fusionsforschung bestreitet. Zum anderen ist die EU für den Wettbewerb und damit für die Marktöffnung zuständig. Die Liberalisierung des Strom- und Gasmarktes fällt in die Verantwortung der EU.

In europäischer Verantwortung liegt auch die Klimapolitik. Die EU hat Kyoto ratifiziert, sie ist dafür verantwortlich, dass die Emission von Treibhausgasen verringert wird. Damit wird letztlich die Energiepolitik - auf dem Umweg über die Klimapolitik - europäisiert. Unter die europäische Gesetzgebung fallen auch der Emissionshandel sowie alle Maßnahmen, die zu einem rationellen Umgang mit Energie führen. Auch dafür stehen Mittel zur Verfügung, wenngleich nicht in derselben Höhe wie für die Forschung.

Im Nuklearsektor hat die Kommission drei neue mutige Initiativen ergriffen: eine zur Regelung der Rücklagen für den Abbau von Kernkraftwerken, eine zweite zur Beschleunigung bei der Suche nach einem radioaktiven Endlager und eine dritte zur Verbesserung der Sicherheit von Kernkraftwerken.

Ob der europäische Verfassungsvertrag zu mehr oder weniger europäischer Verantwortung in der Energiepolitik führt, ist noch ungewiss. Doch bereits heute hat die EU - abgeleitet aus der Wettbewerbs- und Umweltpolitik, aber auch aus dem Euratom-Vertrag - Verantwortung im Energiebereich. In zunehmenden Maße wird aber auch die Energieaußenpolitik und besonders unser Verhältnis zu Russland eine Rolle spielen. Energiepolitik ist längst aus ihrem Schattendasein getreten.

Lassen Sie mich zum Abschluss sagen, dass Europa sehr wohl auf die Herausforderungen der Klimapolitik, der Energieabhängigkeit und der Wirtschaftlichkeit antworten kann, wenn es will. Die Frage ist, ob es will oder ob es in Vorurteilen stecken bleibt, weil es vorzieht, seine Ängste zu pflegen anstatt mit Engagement und Neugierde eine nachhaltige Energieversorgung aufzubauen. Darauf müssen vor allem Sie, die junge Generation eine Antwort geben. Ich wünsche Ihnen dabei Mut und die Freude an neuen, unkonventionellen Lösungen.